A series of images created with a side scan sonar in the Yokohama Bay. Images were show as a continuous projection at the Yokohama Triennial 2005.

 

Raw imagery 

"Echolot (U­-Segment Yokohama)" VARIANTOLOGY 3, On Deep Time Relations of Arts, Sciences and Technologies in China and Elsewhere, Siegfried Zielinski and Eckhard Fürlus, (Cologne, Verlag der Buchhandlung Walther König, 2008) pp. 211 ­- 222 and throughout the book. 

https://www.amazon.com/Variantology-Kunstwissenschaftliche-Bibliothek-Siegfried-Zielinski/dp/3865603661

 Günther, Ingo, “Wellen durchs Wasser”, Berliner Gazette, [berlinergazette.de/wellen­durchs­wasser/] Berlin, Dec 30, 2009 (*) 

Günther, Ingo, “Wellen durchs Wasser”, Berliner Gazette, [berlinergazette.de/wellen­durchs­wasser/] Berlin, Dec 30, 2009 (*) 

Wellen durchs Wasser

Vor vielen Jahren, bei der Recherche ueber U-Boot-Kommunikation, erfuhr ich, dass die damaligen Supermaechte UdSSR und USA mit ihren strategischen U-Booten, die in grosser Tiefe operierten, nur ueber extrem langwellige Signale Kontakt halten und Kommandos senden konnten. Elektronische Radiowellen dringen nur fuer wenige Meter ins Wasser. Wenn man aber 100 Meter lange Betonbalken als Antenne und Pulsgeber kontrahieren kann, entsteht ein Impuls, der durch alle Ozeane bis ans gegenueberliegende Ende der Welt wahrnehmbar ist.

Der U-Bootrumpf zuckt und ein bit ist empfangen. Man kann sich vorstellen, dass auf diese Weise nur groebste Informationen mitgeteilt werden koennen. Die dumpfen Pulse werden noch nicht einmal von Walen wahrgenommen. Als nicht-amphibische Wesen koennen wir wenig erkennen. Unterwasser aber sehen zu koennen ist selbst mit Taucherbrille und unter idealen Umstaenden auf circa zehn Meter beschraenkt, dahinter beginnt die unheimliche Unendlichkeit der Ozeane.

Vor ein paar Jahren entdeckte ich, dass man sich durchs Wasser visuell hoeren kann. Man kann mit akustischen Mitteln sehen. Mit dem Ton zu sehen erfordert aber vergleichsweise hohe Frequenzen. Und man benoetigt ein so genanntes Side Scan Sonar. Das funktioniert im Prinzip ganz einfach: Wie der Kathodenstrahl einer TV-Roehre wird ein Schallimpuls durchs Wasser geschickt und das Echo (return) wird dann aufgenommen. Das geschieht dann kontinuierlich auf und ab waehrend der Sender/sensor durchs Wasser gezogen wird. So fuegt sich ein Bild zusammen.

Erfunden und patentiert wurde diese Weiterentwicklung des Echolotes nach dem zweiten Weltkrieg von Dr. Julius Hagemann, einem deutschen Beuteforscher, der fuer die US-Marine gearbeitet hat. Der akustische Blick in die Tiefen des Ozeans half, verlorene Atombomben und havarierte sowjetische U-Boote zu lokalisieren. Man kann damit aber auch den Meeresboden vermessen.

Die oft maschen- bzw. kachelartig erscheinenden Muster auf dem Meeresboden bei Google Earth sind in einem solchen Zick-Zackverfahren vermessen. Diese Graustufen-Bilder erinnern an etwas fremd-vertrautes. Sie haben etwas von dimensionslosen Radarbildern, mit geisterhaftem, synthetischem 3D-Schatteneffekt.

Die Vorstellung, suggestive Landschaftsbilder aus der Unterwasserwelt herstellen zu koennen, hat mich

begeistert. Ich musste lediglich an ein Side Scan Sonar System kommen. Die militaerischen Instrumente sind nur mit militaerischen Budgets zu erwerben, die kommerzielleren Systeme fangen aber schon bei ein paar hunderttausend Dollar an. Zu mieten gab es das aber nicht – hoechstens komplett mit Vermessungsschiff und Crew.

Ich telefonierte mich zu einer mir damals unbekannten Firma durch, die in New Hampshire gleich hinter der Staatsgrenze zu Massachusetts eine kleine Forschungsstelle hat, aber nicht an der Kueste, sondern eine einstoeckige Halle mitten im Wald. Ich hatte gehofft, dass die vielleicht eine aesthetische Studie in Yokohama Bay sponsern wuerden. Man weiss ja nie.

Nachdem ich meinen rostigen und beuligen Landcruiser etwas abseits geparkt hatte empfing mich keine nette Empfangsdame, lediglich ein Whiteboard listete drei Namen auf: „L3 CORP Welcomes Today:“ Ich sah meinen Namen zwischen einem Vertreter der Royal Canadian Navy und einem Commander einer Submarine Warfare Abteilung des Pentagons.

Nette Gesellschaft – und ein gutes Zeichen dachte ich, denn die haben sicher einen Background Check gemacht, dann muss ich also nicht viel erklaeren. Ein ausgesprochen hoeflicher Herr fuehrte mich durch die Anlage: Unter der von aussen klein anmutenden Halle war ein grosser Pool mit Gegenstromanlage in dem mehrere torpedoartige Instrumente von dicken Kabeln im Wasser hingen. „Sorry, no pictures“. Seine Hochzeitsreise habe er in Japan gemacht. Dann fuhr er mich in ein benachbartes Dorf.

„Let me buy you lunch“. Er schrieb dort auf seine Visitenkarte den Namen einer japanischen Firma und die Nummer eines japanischen Kollegen: „They used to own our division. Call them.“ Ein paar Wochen spaeter rief ich dort an. Ein Repraesentant der Firma kam zwei Tage spaeter nach Yokohama.

Diesmal kaufte ich Lunch in meinem Lieblingslokal. Und der nette Herr dieser Firma schob mir ein halbes Duzend DVDs ueber den Tisch: „Yokohama Wan, Sea Floor de gozaimasu – dozo. We are so glad to help. Please use as you like.“ Ich verbrachte den Nachmittag und die ganze Nacht vor dem Laptop und war voellig berauscht.

Es waren die schoensten und klarsten Side Scans die ich bis dahin gesehen hatte. Dual Beam – genial. Es war einfach zu gut und zu einfach und zu schoen. Ich kam mir vor wie jemand der eine Kamera kaufen wollte, um einen Film zu drehen – und stattdessen einen fertig geschnittenen Film geschenkt bekommt. Die Daten-DVDs liegen bis heute wohl verpackt und unbenutzt in meinem Studio.

Einige Wochen spaeter verabredete ich mich mit einem „Spezialisten“ in Rhode Island. Er hatte interessante Elektronikteile bei Ebay angeboten und wir kamen ins Gespraech. „I can help you. We can modify a commercial system for fishermen. I did some work on identifying alien signals from space, should not be a problem“.

Und fuer einen Batzen gruener Scheine war er bereit, sich mit mir bei stroemendem Regen auf einem Rastplatz zu treffen. (>My house is too difficult to find - better we meet in a public space<) Kleiner Pickup-truck mit einem Aluboot im Schlepp parkt abseits der Tankstelle. Im Aluboot liegt ein graues Abflussrohr mit angeklebten Flossen und einem fetten 50-Meter-Kabel. Ich bin begeistert – aber „We should not draw any attention to ourselves – follow my truck“ und wir fahren bis wir endlich in eine stillgelegte Autowaschanlage fahren und der extrem nervoese und nicht mehr regennasse, aber nun schweissgebadete Ingenieur verbindet die Kabel. „It should all work. Do you have the cash? Call me if there is an issue, I have to run.“

Fuer die Yokohama Triennale 2005 habe ich dann stundenlang den Meeresboden direkt vor der Kueste, um die Brueckenpfeiler herum, den Piers und den Kanaelen mit dem 1,20 Meter langen Transducer im Abflussrohr akustisch abgetastet. Ein drei Stunden langes, kontinuierliches Landschaftsbild ohne Horizont. Ein 10- Sekunden-Stueck ist auf dem Titel von Siegfried Zielinskis Variantology-Buch und Konferenzserie #3.

In ein paar Wochen ist das Gestell fuer den Towfish (so heissen die Torpedo-artigen Sensoren offiziell) auf meinem Boot montiert und ich werde die Gewaesser um Manhattan abtasten und durchschauen – mit besonderem Fokus auf Hell Gate. Dort ist vor ueber 100 Jahren die deutsche Intelligenzija von NY an Bord der General Slocum verbrannt oder ertrunken und nochmals 100 Jahre zuvor ein britisches Schiff mit Besoldungsgold.